Dresden

Spaziergänge + Wanderungen

Gleißende Neonlicht

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Ein Wispern der Knochen

In den schmalen Gassen einer vom Nebel umarmten Stadt hallt das Heulen unzähliger Hunde als stummer Choral der verlorenen Seelen. Fackeln flackern an bröckelnden Mauern, der Duft […] Mehr lesen

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Er starrt mich mit

In den frostigen Schatten der sächsischen Landeshauptstadt, wo barocke Pracht auf die kühle Präzision moderner Hochtechnologie trifft, verbirgt sich eine Welt, die dem […] Mehr lesen

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Ein sonniger Frühlingstag voller Geheimnisse und Erinnerungen in Seevorstadt-West.

Der Frühling in Dresden trägt ein blaues Kleid aus klarer Luft.

Der Frühling in Dresden trägt ein blaues Kleid, gewebt aus klarer Luft und einem Himmel, der sich endlos über das Elbtal dehnt. Die Sonne stickt goldene Fäden hinein, die auf den Dächern der Stadt warme Flecken zeichnen. Die Luft schmeckt nach aufgebrochener Erde, nach dem duftigen Versprechen der Forsythien-Knospen im Großen Garten und dem süßlich, fauligen Duft des letzten Laubes vom Vorjahr, das in den Rinnsteinen moderte. Es ist ein Geschmack von Anfang und Ende zugleich. Diese Luft ruft. Sie ruft mit einer Stimme, die nicht zu überhören ist, einem leisen Sog, der im Magen zieht. Also folge ich. Meine Schuhe finden ihren eigenen Rhythmus auf dem Asphalt morgendlich gemächlicher Straßen. In meiner Tasche, ein leeres Notizbuch und ein abgenutzter Stift. Ich atme diesen widersprüchlichen Duft tief ein. Ich gehe nach Seevorstadt-West. Ich weiß nicht, was ich suche. Vielleicht nur die Bestätigung, dass diese Orte, die ich zu kennen glaube, noch andere Gesichter haben.

Das Dorint Hotel steht als gläserner Fremdkörper am Rand des Parks.

Das Dorint Hotel steht wie ein Fremdkörper aus einer gläsernen Zukunft am Rand des verwilderten Blüherparks. Seine gesamte Südfassade ist eine einzige reflektierende Fläche, die das Morgenlicht nicht nur einfängt, sondern es aggressiv zurückwirft. Ich muss die Hand schützend vor die Augen heben, geblendet von diesem kalten Glanz. Wenn ich zur Seite blicke, sehe ich den Kontrast: das feuchte, dunkle Pflaster der Blüherstraße, in dessen Rillen sich der Nachttau hält und das erste Sonnenlicht in winzigen, funkelnden Perlen bricht. Die Bäume des Parks werfen lange, zittrige Schatten über den Weg, gestreift wie Barcode-Linien. Ihre Äste recken sich noch kahl und gierig in die Höhe, aber an den äußersten Spitzen, wenn man genau hinsieht, schwellen kleine, klebrige Knospen. Sie sind braun und unscheinbar, aber in jeder einzelnen pulsiert das gleißende Grün des kommenden Mais. Auf einer Bank sitzt ein Mann und liest eine Zeitung. Das Rascheln der umgeblätterten Seite ist das lauteste Geräusch hier.

Ein schrilles Lachen zerschneidet die meditative Stille des Blüherparks.

Ein Lachen, schrill und unbeschwert, zerschneidet die meditative Stille des Parks. Ein junges Paar, vielleicht noch Studenten, rennt Hand in Hand über den nassen Rasen. Ihre Turnschuhe hinterlassen eine Spur tiefer, dunkelgrüner Abdrücke im satten Moos. Sie rennen nicht weg vor etwas, sie rennen einfach, aus reiner Lebenskraft. Ihre Stimmen, hell und ohne Gewicht, hüpfen zwischen den knorrigen Stämmen der alten Eichen hindurch. Auf der nächsten Bank sitzen drei alte Frauen, zu einer Statue der Beobachtung erstarrt. Sie sind in dicke, handgestrickte Wolljacken in den Farben Senf, Rostrot und Marineblau gehüllt. Ihre Hände, ein Netzwerk aus blauen Adern und transparenter Haut, ruhen bewegungslos auf ihren Oberschenkeln. Sie verfolgen das rennende Paar mit einem gleichgültigen, fast analytischen Blick. Dann wandern ihre milchigen Augen zu mir. Sie mustern mich, meinen Mantel, meine Tasche. In ihren Blicken liegt kein Lächeln, nur ein altes, abgeklärtes Wissen. Sie haben schon tausend Spaziergänger wie mich kommen und gehen sehen.

Die Robotron Ecke taucht als Komplex aus grauem Beton auf.

Ich verlasse den Park in Richtung des grauen Kerns des Viertels. Die Architektur wechselt, wird ernster, lastender. Dann taucht sie auf: die Robotron-Ecke. Ein Komplex aus mehreren miteinander verbundenen Gebäuden, errichtet aus grauem, verwittertem Beton. Die Fensterreihen sind gleichmäßig, endlos, wie leere Augenhöhlen in einem riesigen Schädel. Die Architektur schreit nicht, sie erstickt jeden Laut. Sie ist die Verkörperung einer bestimmten Stille – der Stille konzentrierter Arbeit, der Stille von Überwachung, der Stille nach dem Abzug des Lebens. Ein kalter Wind, der durch die Straßenschlucht fegt, wirbelt einen McDonald’s-Becher und eine Zeitungsseite über den leeren Vorplatz. Ich stecke meine Hände tief in die Taschen meines Mantels. Die Kälte des Metalls an einem Türgriff, den ich versehentlich streife, bleibt auf meinen Fingerkuppen haften.

An der schattigen Seitenwand entdecke ich einen rostigen Schaukasten.

Ich umrunde den Block. An einer schmalen, nach Norden zeigenden Seitenwand, die nie Sonne sieht, entdecke ich den Schaukasten. Er ist in die Betonwand eingelassen, ein Relikt der Selbstpräsentation. Die Glas-scheibe ist von einem Spinnennetz feiner Risse durchzogen und innen blind von einer dicken Schicht Staub und Kondenswasser. Die aluminiumfarbenen Rahmen sind an den Kanten aufgebrochen, rotbrauner Rost quillt hervor. Ich wische mit dem Ärmel über das Glas. Durch den sich drehenden Schmutz zeichnen sich verblasste Buchstaben ab: „Innovation 1973“. Eine metallene Klappe dient als Tür. Ich drücke meine Handfläche gegen das kalte Blech. Nichts. Ich lehne mein Gewicht dagegen. Mit einem plötzlichen, scharfen Stöhnen rostiger Angeln gibt sie nach. Der Geruch, der herausströmt, ist schwer und deutlich: Moderndes Papier, chemischer Kleber aus den Siebzigern und darunter eine Note von trockenem, altem Schweiß.

Das Innere des Schaukastens birgt vergilbte Zeitungsausschnitte und ein Foto.

Das Innere des Kastens ist eine Zeitkapsel. Auf dem Boden liegen mehrere Lagen vergilbter Zeitungsausschnitte, sorgfältig ausgeschnitten und nun miteinander verklebt. Berühre ich sie, zerbröseln die Ränder zu braunem Staub. Ein Schwarz-Weiß-Foto rutscht hervor. Es zeigt eine Gruppe von vielleicht fünfzehn Männern und Frauen. Sie tragen helle Kittel, ihre Haare sind streng gescheitelt. Sie posieren steif, fast militärisch, vor einem riesigen Gerät, das aussieht wie eine Kombination aus Schrankwänden und Rollregalen. Kleine, runde Lämpchen blitzen auf der Front. Die Gesichter sind ernst, die Körper angespannt, stolz. Auf der Rückseite, in einer energischen, schräg nach oben fliegenden Handschrift mit blauer Tinte: „Die Pioniere der Rechenkunst. Wir träumen von einer vernetzten Welt. November 1974.“ Ich stecke das Foto vorsichtig in die Innentasche meines Mantels. Durch den Stoff spüre ich seine scharfen Kanten. Es fühlt sich an wie eine zweite, dünne Rippe.

Der Lärm des Dippoldiswalder Platzes trifft mich wie eine Wand.

Der Lärm des Dippoldiswalder Platzes trifft mich wie eine Wand. Es ist kein einzelner Ton, sondern ein dröhnendes Gemisch: das ständige Aufheulen und Abflauen von Autos, das Quietschen von Bremsen, das dumpfe Bumm-Bumm-Bumm einer Bassline aus einem geöffneten Smartphone-Fenster, das Geschrei eines Kindes. Die Fassaden der Kaufhäuser sind glatte Flächen aus Glas und poliertem Granit, die das grelle Mittagslicht hart und gnadenlos reflektieren. Die Luft flimmert über den heißen Motorhauben. Sie schmeckt nach Abgasen und dem fettigen Dunst eines Imbisswagens. Ich presse mich an eine Hauswand, suche eine Lücke in diesem sensorischen Bombardement. In einer Ecke, wo zwei Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten unsanft aufeinandertreffen, finde ich sie.

In einer moosigen Ecke klafft ein unnatürlich gerader Spalt.

Diese Ecke liegt im permanenten Schatten. Das Pflaster ist hier uneben, von Wurzeln angehoben. Dichtes, moosiges Grün bedeckt die unteren Steine, ein samtener, feuchter Teppich. Und zwischen zwei dieser moosbewachsenen Steine klafft ein Spalt. Er ist unnatürlich gerade, keine natürliche Bruchstelle. Er ist kaum breiter als mein kleiner Finger, aber tief. Ich gehe in die Hocke, die Knie knacken. Meine Augen gewöhnen sich an das Dunkel dort unten. Ich erkenne keine Tiefe, nur Schwarz. Aber am Rand des Spalts, in den Stein gemeißelt, sind winzige Zeichen. Keine Buchstaben unseres Alphabets. Es sind Kreise, die sich mit geraden Linien verbinden, ein sternförmiges Muster, das an ein Schneekristall oder eine technische Skizze erinnert. Ich streiche mit der Fingerkuppe darüber. Der Stein ist an dieser Stelle unnatürlich glatt und kalt, poliert von unbekannten Händen oder vom Wasser der Jahrzehnte.

Ein langer Schatten fällt über den Spalt und über meine Hand.

Ein langer Schatten fällt über den Spalt und über meine Hand. Ich schaue hoch. Ein Mann steht neben mir. Sein dunkelgrauer Mantel ist an den Ellenbogen blankgescheuert. Sein Gesicht ist ein Terrain aus tiefen Furchen, in denen sich Stadtschmutz gesammelt hat. Er räuspert sich. Sein Blick ist nicht auf mich gerichtet, sondern bleibt auf dem schmalen schwarzen Schlitz haften. „Die führen runter“, sagt er. Seine Stimme klingt rau und rostig, als müssten die Worte einen langen, verschütteten Gang hinaufkriechen. „Alte Keller. Für die Kaufleute. Lager für Säcke, Fässer. Dann kamen die Bomben. Dann wurden sie Schutzräume. Jetzt?“ Er zuckt mit einer Schulter, eine müde, ausgelaugte Bewegung. „Jetzt sind sie vergessen. Zugemauert. Versiegelt.“ Er spuckt aus, ein dicker, gelber Tropfen, der auf dem moosigen Pflaster landet und langsam versickert. „Da unten ist es still. Da unten schlafen die Geschichten. Und manchmal träumen sie laut. Dann hört man sie in den Rohren.“

Die Altstadt empfängt mich mit der Wärme menschlicher Aktivität.

Die Altstadt empfängt mich mit einer anderen Art von Intensität. Es ist die Wärme menschlicher Aktivität. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus einem schmalen Bistro vermischt sich mit dem süßen Geruch von gebutterten Bretzeln aus der Bäckerei nebenan und dem schweren Parfüm einer vorbeigehenden Frau. Aus dem geöffneten Fenster einer Musikschule im ersten Stock dringt das kreischende, sich wiederholende Gequietsche einer Violine. Eine endlose Übungsskala, ein Kampf um Reinheit. Die Pflastersteine sind hier nicht rau, sondern blank poliert von Millionen Schritten, von Touristenschuhen, Kinderwagenrädern, Hundepfoten. Meine eigenen Ledersohlen finden keinen Halt, sie klackern hart und hohl auf dem historischen Grund. Ich setze mich auf eine freie Bank, die noch warm ist von der vorangegangenen Sonne.

Ein älterer Herr teilt die Bank mit mir und spricht von einem verschwundenen Laden.

Ein älterer Herr teilt die Bank mit mir. Er bewahrt einen respektvollen halben Meter Abstand. Sein tweedfarbener Anzug ist sauber und gebügelt, aber der Schnitt ist breit, die Schultern gepolstert – eine Mode von vor vierzig Jahren. Seine Hände, mit großen, knöchrigen Gelenken, umklammern den silbernen Knauf eines Gehstocks. Er beobachtet nicht die Architektur, sondern eine Gruppe orientierungsloser Touristen, die eine auf ihrem Smartphone auseinandergezogene Karte studieren und sich streiten. „Hier“, sagt er plötzlich, ohne seinen Kopf mir zuzuwenden. Seine Stimme ist überraschend fest. „Genau hier, wo diese Bank steht, war ein Laden. Ein Buchladen. So schmal, dass man, wenn ein zweiter Kunde hereinkam, sich zur Seite drehen und an der Wand entlangschlittern musste.“ Er atmet tief ein, als wolle er einen Geruch einfangen. „Der Besitzer, ein Herr Weimann, kannte jedes Buch in seinen Regalen. Und er kannte jeden seiner Stammkunden. Das Geschäft roch nach Holzleim, nach dem säuerlichen Duft von altem Papier und nach dem Lavendelsäckchen, das seine Frau ihm in die Westentasche steckte.“ Er schüttelt leicht den Kopf. „Jetzt riecht es nach Kaffee. Immer nur nach Kaffee.“

Er flüstert von nächtlichen Geräuschen und Geistern zwischen den Mauern.

Er dreht nun langsam den Kopf. Sein Gesicht ist schmal, die Haut pergamentdünn und über den hohen Wangenknochen gespannt. Seine Augen sind von einem hellen, wasserblauen Grau, klar und ohne Trübung. „Nachts“, flüstert er, und sein Flüstern ist in dem allgemeinen Straßenlärm deutlich zu hören, „wenn die Rollgitter unten sind und die letzten Betrunkenen verstummt sind, höre ich manchmal ein Geräusch. Ein leises, trockenes Rascheln. Wie wenn man eine Zeitung zusammenfaltet. Oder wie Mäuse in den Wänden.“ Ein Lächeln erscheint auf seinen Lippen, es ist schmal, traurig und von einer unerwarteten Schönheit. „Vielleicht sind es die Geister der Bücher. Sie finden nicht zur Ruhe.“ Ohne ein weiteres Wort erhebt er sich. Sein Stock sucht den nächsten Stein, tippt einen unregelmäßigen, aber entschlossenen Rhythmus. Ich bleibe sitzen. Ich schließe für einen Moment die Augen. Ich lausche. Ich höre nur die Violine, die ihren Kampf fortsetzt, und das ferne Brummen der Stadt.

Der Hauptbahnhof ist ein Organismus, der Geräusche verschluckt und verdaut.

Der Hauptbahnhof ist ein Organismus, der Geräusche verschluckt, verdaut und in ein konstante, tonales Grundrauschen verwandelt. Seine gewaltige, gewölbte Halle aus Stahl und Glas sammelt jedes vereinzelte Husten, jedes Handygesprächsfragment, jedes Schleifgeräusch von Kofferrädern und wirbelt es zu einem undifferenzierten, dumpfen Donner zusammen. Der gelbliche Marmor des Bodens spiegelt die Reihen der Neonröhren in langen, verschwommenen Streifen. Meine eigenen Schritte hallen kurz nach, bevor sie von diesem akustischen Brei absorbiert werden. Ich habe kein Ziel. Ich lasse mich treiben, vorbei an den riesigen Anzeigetafeln, deren Zahlen und Städtenamen unaufhörlich flackern und springen. Schließlich lande ich vor dem alten, hölzernen Informationsschalter. Ein Mann hinter der verglasten Theke sieht mich an, während er gleichzeitig einen Stadtplan für eine verzweifelt wirkende Familie ausfaltet.

Der Mann am Schalter spricht von pünktlichen Zügen und unpünktlichen Geschichten.

Sein Blick streift mich, kehrt zurück. „Sie suchen einen Zug?“, fragt er, ohne die Familie aus den Augen zu lassen. Seine Stimme ist überraschend sanft, eine tiefe, ruhige Stimme, die durch das Mikrofon an seinem Revers noch weicher wird. Ich schüttele den Kopf. „Ich suche keine Verbindung. Ich suche Geschichten.“ Jetzt wendet er mir sein ganzes Gesicht zu. Es ist eine Landkarte aus tiefen Falten, gesprenkelt mit alten, bräunlichen Sommersprossen. Seine Augenbrauen sind buschig, wild und grau wie Eisengewirr. Er mustert mich, mein leeres Notizbuch in der Hand, meinen staubigen Mantel. Langsam legt er seinen Stift beiseite. „Die Züge“, sagt er bedächtig, „fahren pünktlich. Minute für Minute. Die Geschichten sind nie pünktlich. Sie kommen, wann sie wollen. Oder gar nicht.“ Er zeigt mit einer knöchrigen, von Altersflecken gezeichneten Hand in das Gewühl der Halle. „Sehen Sie diesen Marmor dort, wo die Bank steht? Früher kamen hier die Luxuszüge aus Paris an. Die Menschen trugen Pelze und Zylinder, sie lachten, sie warfen Konfetti. Dann, ein paar Jahre später, kamen die anderen Züge. Überfüllt. Schmutzig. Die Menschen trugen alles, was sie besaßen, in Bündeln, und in ihren Augen trugen sie eine andere Art von Last.“ Er hält inne, sein Blick wird fern. „Der Bahnhof vergisst nichts. Dieser Stein hier unter meinen Füßen, er hat mehr Abschiede gespeichert, als wir Worte haben.“

Ein süßer Duft von Röstung und Karamell führt mich durch den Menschenstrom.

Ein Duft trennt sich plötzlich von dem Gemisch aus Diesel, menschlichem Schweiß und Reinigungsmittel. Er ist süß, intensiv und warm. Ein Duft von Röstung und Karamell. Er führt mich wie eine unsichtbare Leine durch den Menschenstrom, weg von den großen Hallen, hin zu einem schmalen Ausgang, der zu den Taxis führt. Dort steht ein kleiner, mobiler Stand aus dunklem Holz und poliertem Messing. „Schokoladenmanufaktur – Dresdner Tradition“ steht in verschnörkelter Schrift auf einem Schild. Eine Frau mit einem freundlichen, runden Gesicht und einer makellos weißen Schürze steht hinter einer Glasvitrine, die aussieht wie ein Juwelierladen für Süßigkeiten. Goldene Pralinen liegen auf Samtkissen, Trüffel glänzen in Papierhüllen. „Probieren Sie?“, fragt sie und hält mir, ohne auf eine Antwort zu warten, ein kleines Stück auf einer Papierserviette entgegen.

Ich beiße in die Schicht aus Schokolade, Nougat und einer ganzen Mandel.

Ich nehme es. Es ist kein einfaches Stück Schokolade. Man sieht die Schichten. Eine ganze, goldbraune Mandel in der Mitte, eingehüllt in eine dicke, hellbeige Schicht sämigen Nougats, und das Ganze dann in dunkel glänzende, bittere Schokolade getaucht. Ich beiße hinein. Der Geschmack entfaltet sich nicht, er explodiert. Zuerst der schnelle Bruch der bitteren Schokoladenschale. Dann die weiche, nachgebende Süße des Nougats, buttrig und voll. Zuletzt, im Kern, der harte, ölige Widerstand der perfekt gerösteten Mandel, die einen rauchigen, fast salzigen Nachgeschmack hinterlässt. Es ist überwältigend. Die Verkäuferin lächelt meinem sprachlosen Staunen entgegen. „Ein altes Rezept“, sagt sie, während sie mit einem Tuch eine imaginäre Fuge an der Vitrine poliert. „Von meiner Oma. Sie hatte eine kleine Konditorei in der Altstadt, gleich bei der Frauenkirche. Vor der Zerstörung. Dies hier“, sie tippt mit dem Finger gegen die Glasscheibe, „ist eines der wenigen Dinge, die wirklich überlebt haben. Nicht die Möbel. Nicht die Fotos. Das Rezept. Der genaue Geschmack.“ Ich kaufe zwei Tüten. Das braune Papier raschelt befriedigend in meiner Hand. Das Gewicht ist tröstlich und konkret.

In der Dämmerung höre ich ein zartes Glockenspiel in der Waisenhausstraße.

Auf dem Rückweg, schon in der Dämmerung, durchquere ich die Waisenhausstraße. Die Geschäfte schließen, die Rollgitter rattern herunter. Dann höre ich es: ein Glockenspiel. Es ist kein läutendes Geläut einer Kirche. Es ist ein zartes, hohes, metallisches Klingen, als würde jemand mit einem Löffelrand sanft gegen ein feines Kristallweinglas schlagen. Der Ton wiederholt sich alle paar Sekunden, unregelmäßig. Ich folge ihm. Er führt mich weg von der Hauptstraße, in eine schmale Gasse, an deren Ende eine hohe, backsteinerne Brandmauer einer alten Schule aufragt. In dieser Mauer, auf Augenhöhe, befindet sich eine unscheinbare, bogenförmige Nische. Darin hängt eine kleine, glockenförmige Bronze, die von einer grünen, wachsartigen Patina überzogen ist. Ein kleines, verwittertes Emaille-Schild daneben ist unleserlich, die Buchstaben sind verblasst.

Ein Mann erklärt die Glocke als Gefäß für die Stimmen vergessener Waisenkinder.

Ich strecke die Hand aus, berühre die kalte Patina nicht. Ein Mann bleibt mit seinem Einkaufsroller neben mir stehen. Er riecht nach Zwiebeln und Waschpulver. „Sie läutet nur manchmal“, sagt er, als wäre dies eine allgemein bekannte Tatsache. „Wenn der Wind genau aus Osten kommt. Oder wenn jemand sie sucht, ohne zu wissen, dass er sucht.“ Er dreht den Kopf und sieht mich an. Seine Augen sind müde. „Sie erinnert an die Kinder. Die Waisenkinder, die hier in dem Haus lebten, das nicht mehr steht. Ihre Stimmen, sagt man, sind im Metall gefangen, beim Gießen. Der Klang, den sie macht, ist ihr Lachen.“ Er wartet einen Moment, sein Kopf ist leicht geneigt, als lauschte er auf eine ferne Melodie. Dann, ohne ein weiteres Wort, rumpelt er mit seinem Roller weiter die Gasse hinunter. Ich bleibe. Der Wind dreht tatsächlich, kommt jetzt von Westen. Das Klingen verstummt. Die Stille, die folgt, ist lauter als der Ton zuvor.

Der Tag verblutet in einem spektralen Orange Rot über den Dächern.

Der Tag verblutet nun endgültig. Die Sonne, eine glühende Scheibe am Horizont hinter den Bahngleisen, taucht die gesamte Fassadenfront von Seevorstadt-West in ein spektrales Orange-Rot. Jedes Fenster, jede raue Putzfläche, jeder Blumenkasten auf einem Balkon wird in dieses theatralische Licht getaucht. Die Schatten der Kaminauf-sätze, Satellitenschüsseln und Antennen werden zu langen, verzerrten Fingern, die über die Dächer und die Straßen greifen, als wollten sie die letzte Wärme einfangen. In den Glasfronten des Dorint Hotels blitzen die letzten, gnadenlos hellen Reflexe auf und erlöschen Sekunde um Sekunde. Die Luft kühlt schnell ab, die Wärme des Tages verflüchtigt sich. Ich ziehe den Kragen meines Mantels hoch. In der Ferne heult eine Sirene auf, einmal, zweimal, dann verstummt auch sie.

Vom Bischofsweg breitet sich das gesamte Viertel als Landkarte aus.

Am Ende der Waisenhausstraße führt eine schmale, steinerne Treppe auf einen kleinen Hügel, den sogenannten Bischofsweg. Von hier aus hat man einen weiten Blick. Das gesamte Viertel liegt ausgebreitet zu meinen Füßen wie eine reliefartige Landkarte. Das gläserne Dach des Dorint Hotels fängt das letzte, fahle Zwielicht ein und wirft es als blassen Schein zurück. Die grauen Monolithen der Robotron-Ecke versinken bereits in einem bläulichen Dunst, der aus der Elbe aufsteigt. Die Lichterketten und Leuchtreklamen des Dippoldiswalder Platzes beginnen ihr nächtliches, nervöses Flackern. Die Altstadt mit ihren beleuchteten Kuppeln und Türmen liegt als ein sanft glühender, warmer Teppich daneben. Jeder dieser beleuchteten Punkte ist ein Ort. Jeder Ort, den ich heute betreten habe, ist eine Geschichte. Die Geschichten sind unsichtbar, aber sie füllen die Räume zwischen den Lichtern. Sie sind das eigentliche Licht dieser Stadt.

Ich stehe still und spüre ein Vibrieren, den Grundton der Stadt.

Ich stehe ganz still. Neben mir spüre ich ein Vibrieren. Es ist ein regelmäßiges, tiefes Dröhnen, das durch die Sohlen meiner Schuhe dringt. Es ist nüchtern betrachtet der Takt der Bahn-Linien, die hier verlaufen. Aber in diesem Moment, mit dem Foto in meiner Brusttasche, dem Geschmack von Schokolade auf meiner Zunge und dem Klang einer unsichtbaren Glocke im Ohr, ist es mehr. In diesem Rhythmus schwingt das Rattern der Nadeldrucker in den Rechen-sälen der Siebziger mit. Das rhythmische Hämmern aus den Werkstätten der Altbauten, die es nicht mehr gibt. Das stetige Rascheln von Seiten in einem engen Buchladen. Das leise, wiederkehrende Klingen einer Bronzeglocke, die an Lachen erinnert. All diese vergangenen Töne und Bewegungen pulsieren in diesem einen, mechanischen Widerhall aus der Tiefe. Sie vermischen sich nicht, sie überlagern sich. Es ist der Grundton dieser Stadt, eine Vibration von Gestern, die im Heute nachhallt.

Die Nacht bricht herein und meine Tasche trägt ein neues Gewicht.

Die Nacht hat nun vollständig Besitz ergriffen. Die Sterne sind nur blasse Pünktchen im orange getönten Himmelslicht über der Stadt. Meine Rückkehr verläuft langsam. Meine Tasche fühlt sich anders an. Sie wiegt nicht mehr nur das leere Notizbuch. Sie wiegt das scharfe Foto eines vergangenen Stolzes. Sie wiegt das knisternde Gewicht der beiden Papiertüten mit ihrer süßen, komplexen Last. Sie wiegt die gesammelten Geräusche: das Lachen im Park, das Knarren der Schaukastentür, das Flüstern des alten Mannes, das Rauschen des Bahnhofs, das Klingen der Glocke. Sie wiegt die Blicke der alten Frauen, des Mannes an der Mauer, der Verkäuferin. Die Stadt war keine durchgehende Erzählung. Sie war eine Sammlung von Fragmenten, von Hinweisen. Sie hat mir nicht alles gegeben, nicht die ganze Geschichte. Sie hat mir genau genug gegeben. Sie hat den Appetit geweckt, nicht gestillt.

Ich sitze am Tisch und schreibe das erste Wort in mein Notizbuch.

Ich sitze an dem kleinen Tisch in meinem Zimmer. Das Foto liegt vor mir, ich habe es vorsichtig herausgenommen. Die beiden braunen Papiertüten stehen daneben wie stumme Wächter. Ich öffne mein Notizbuch. Die erste Seite ist blendend weiß. Ich nehme meinen Stift. Der Text fließt zögerlich, dann gleichmäßig. Ich schreibe das erste Wort, groß und deutlich: „Seevorstadt-West“. Ein Punkt. Danach kommt eine Leere, die auf die nächsten Worte wartet. Sie werden kommen. Nicht jetzt, nicht geordnet. Sie werden kommen, so wie die Geschichten des Tages zu mir kamen: ungeplant, unhörbar, zur falschen und genau zur richtigen Zeit. Draußen, hinter dem geschlossenen Fenster, ist das konstante, leise Dröhnen der Stadt zu spüren, der Grundton aus Stahl, Verkehr und Erinnerung. Ich lausche diesem Ton. Ich schreibe. Das erste Kapitel hat gerade begonnen.


Mit herzlichem Dank und der Neugier des Dresden Entdeckers dem der Nougat schmeckt,
Ihr Sammler verborgener Erinnerungen und Erforscher unerzähler Stadtschichten.

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*Der geneigte Leser möge mir nachsehen, dass diese Zeilen nicht den Anspruch eines historischen Lexikons erhebt, nur einen flüchtigen Blick auf das Geflecht vergangener Zeiten werfen. Wir verweilen nicht bei den Namen, die der Wind der Geschichte verwehte, noch bei den Orten, die den Stürmen zweier Weltkriege, den beharrlichen Jahrzehnten des Sozialismus und manch pedantischer Rechtschreibreform zum Opfer fielen. Es genügt zu wissen, dass die Stadt ihre Geschichten im Herzen trägt, auch wenn die Straßenschilder wechselten und die Erinnerung mancherorts einen neuen Anker fand. Dies ist kein Vergessen, sondern eine andere Form der Bewahrung.

Quellenangaben:
Inspiriert von den verborgenen Symbolen der Robotron-Ecke und Stimmen aus einer innovativen 8-Bit Ära.
Stadt Dresden: Stadtteil Seevorstadt-West
Stadtwiki Dresden: VEB Robotron
Dresdner Stadtteile: Seevorstadt-West im Detail
Informationen zum Robotron-Gelände in Dresden
Dresdner Katakomben und unterirdische Gänge
Historie des Dresdner Hauptbahnhofs Dresden
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

Seevorstadt-West-00061

Seevorstadt-West-00072

Dresden-0187

Dresden-0187

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