Dresden

Spaziergänge + Wanderungen

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Spurensuche in der Albertstadt, Geschichte zwischen Stein, Regen und Reifen.

Der Bus der Linie 61 schlängelt sich durch Klinik-Campus zur vierzigsten Hebestelle.

Der Himmel hängt an diesem Sonntag wie ein feuchter Waschlappen über Dresden. Sein Spätherbstgrau drückt die Dächer und Straßen platt. Ich steige an der Haltestelle Gabelsbergerstraße ein, benannt nach dem Erfinder der kursiven Kurzschrift, ein passender Ort für den Start einer Spurensuche, die selbst nach den verborgenen Stenogrammen der Geschichte sucht. Der Bus windet sich von der Johannstadt, durch das Labyrinth von der Fetscherstraße, ehemals Fürstenstraße, an der Grenze zu Striesen, links in die Augsburger Straße. Die Fiedlerstraße durch das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, eine Stadt des Heilens in der Stadt, deren Wurzeln sich bis ins Jahr 1748 zu einer militärischen Ausbildungsstätte zurückverfolgen lassen. An der Pfotenhauerstraße, rechts der markante Fachwerkbau der 40. Hebestelle. Wo einst die Eingangsabgaben für Brot, Bier und Vieh und das ‚Brückengeld‘ für das Blaue Wunder kassiert wurden, da wo einst jeder sein Scherflein für die Stadtkasse entrichtete, biegen wir nach links ab, in eine Ära modernerer, demokratischerer Einnahmequellen.

Die Waldschlösschenbrücke ist eine 636 Meter lange Stahlkonstruktion aus Wille und Debatten.

Wir fahren über die Waldschlösschenbrücke. Eine 636 Meter lange Stahlverbundkonstruktion, die nicht nur die Elbe, sondern ebenso jahrelange Debatten überspannt. Ihr Bau im legendären Dresdner Brückenstreit wurde 2005 per Bürgerentscheid mit einer Zweidrittelmehrheit besiegelt. Der Wille der Dresdner war klar. Dieser Entscheid hatte seinen Preis. Die UNESCO strich das Elbtal von der Welterbeliste. Eine Aberkennung, die weltweit nur drei Mal ausgesprochen wurde. Dresden teilt sich diesen herausragenden Platz nicht mit 1.248 Welterbestätten, sondern mit genau zwei anderen Orten. Dem Wildschutzgebiet der Arabischen Oryx in Oman, aufgenommen 1994, aberkannt 2007. Und der Maritime Handelsstadt Liverpool, aufgenommen 2004, aberkannt 2021. Die Aberkennung des Dresdner Elbtals im Jahr 2009 ist die Einzige in Deutschland, mehr noch die Einzige in Europa.

Der moderne Brückenzoll ist eine freiwillige Spende für die kommunale Kasse und lukrativer als historische Abgaben.

Anders als zu Zeiten der Chausseegelder, die 1885 im Königreich Sachsen abgeschafft wurden, erhebt Dresden heute kein Brückengeld für die Überquerung der Waldschlösschenbrücke. Die moderne Lösung ist eleganter, demokratischer. Jeder zahlt, so viel er möchte, beziehungsweise, so schnell er mag. Begründet wird dies mit dem Schutz der kleinen Hufeisennase, einer Fledermaus, die bislang in Brückennähe noch niemand zu Gesicht bekam. Es ist die wohl lukrativste Phantom-Art der Welt. Die Höchstleistung eines besonders Eiligen belief sich 2013 auf 140 km/h bei erlaubten 30 km/h eine freiwillige Spende von rund 1.400 Euro an die kommunale Kasse, inklusive dreimonatigem Fahrverbot zur geistigen Einkehr. Solche Rekordtaten werden alljährlich in den lokalen Medien gewürdigt und befeuern den Wettbewerb. So kamen über die vergangenen Jahre Millionenbeträge zusammen, allein 2018 waren es 519.000 Euro. Ein lukrativeres Geschäft als jedes historische Brückengeld, eine zutiefst Dresdner Lösung.

Der Waldschlößchentunnel verschluckt uns mit einem dumpfen Rauschen im künstlichen Gelb.

Dann verschluckt uns der Waldschlößchentunnel. Nicht der große, 1100 Meter lange Elbtunnel der Visionäre und Naturschützer, der das Welterbe retten sollte, sondern sein kleiner, real gewordener Bruder. Ein dumpfes Rauschen in der Dunkelheit, ein 455 Meter langer Betonschlauch als Ausfahrt der siegreichen Brücke. In diesem Moment des Übergangs, im künstlichen Gelb der Tunnelbeleuchtung, wird für einen Augenblick der Geist des nie gebauten Tunnels greifbar. Der Geist der Alternative, die vor Gericht und an den Mehrkosten von 29 Millionen Euro scheiterte. Ein Moment der Stille für die ungewählte Möglichkeit, dann spuckt uns der Tunnel auf der anderen Seite wieder aus. Zurück in die Wirklichkeit der Stauffenbergallee.

Ankunft Marienallee, wo die schweigende deutsche Geschichte auf mich wartet.

An der Haltestelle Marienallee steige ich aus. Der Kragen meines Mantels klebt am Hals. Die feuchte Luft schiebt mich mit einem eigenen Willen durch die Albertstadt. Hinter mir verschluckt der Tunnel den Verkehr zur Brücke. Vor mir liegt die schweigende deutsche Geschichte, sie wartet auf mich. Ich gehe die Marienallee nordwärts, vorbei an der Offizierschule des Heeres. Stummer, sandsteinerner Ernst. Der Wachdienst verbietet Fotos, selbst von der Schrifttafel am Eingang. Nicht einmal Google Maps darf hier in 3D eindringen. Weiter, vorbei an der Sportpension Dresden, bis der Wald des Wandergebiets Dresdner Heide sich verdichtet und ein schmiedeeisernes Tor erscheint. Der Sowjetische Garnisonfriedhof. Hier, wo etwa 2300 Menschen ruhen, öffnet sich die Tür zur Vergangenheit.

Das Tor zur Stille ist eine Einladung, die Stille ist dicht und schwer von Erinnerung.

Das schmiedeeiserne Tor steht offen, ein Eingang, eine Einladung. Ich trete ein. Die Geräusche von der Marienallee verstummen, eine Tür wurde geschlossen. Die Stille, die mich hier empfängt, ist keine normale. Sie ist dicht, schwer von Erinnerung. Unter meinen Füßen knirscht der Kies, ein einsames Geräusch in der Weite. Vor mir breitet sich die ganze Anlage aus, 2,3 Hektar, die sich terrassenförmig in die Heide am Prießnitzgrund schmiegen. Ein typischer Waldfriedhof. Es gibt kein Schild, das ihn von außen ankündigt. Dieser Ort will nicht gefunden werden, man muss schon von ihm wissen. Die Luft riecht nach nassem Laub, nach feuchter Erde und nach vergangener Zeit. Viele der über 2300 Menschen, die hier ruhen, starben in den ersten Maitagen des Jahres 1945. Sie kamen mit der Roten Armee, verwundet, sterbenskrank, erschöpft, und fanden in dem Lazarett an der Marienallee kein Heil mehr. Ihre letzte Ruhestätte wurde ein provisorisches Feld im Wald. Später, auf Befehl der SMAD, wurde dies ihr dauerhafter Standortfriedhof. Ich bleibe stehen und höre zu. Nur das Schweigen spricht.

Die steinerne Armee entfaltet sich in Reih und Glied, das Regiment herrscht auch im Tod.

Vom Hauptweg aus entfaltet sich das stille Heer in Reih und Glied. Ich gehe langsam die sandsteingefassten Wege entlang und lasse den Blick schweifen. Die Ordnung hier ist streng, unmissverständlich. Selbst im Tod herrscht das Regiment. Links und rechts des Weges die Gräber der Mannschaften. Einheitliche Sandsteinquader, darüber ein schlichter Obelisk mit dem Sowjetstern. Sie sind zu mehreren zusammengefasst, in Doppel und Sammelgräbern. Ihre Namen, in Kyrillisch, sind ihr letzter Rapport. Rjadowoj, Gefreiter, Unteroffizier. Die Masse der rund 1600 Gräber der Hauptanlage. Weiter vorn, näher am Weg, werden die Steine aufwendiger. Sandsteinstelen mit gekreuzten Gewehren und Flaggen, manchmal mit einer Marmorplatte versehen. Hier ruhen die Offiziere. Ein Major, ein Hauptmann, ein Leutnant. Die Hierarchie, die sie im Leben trennte, bestärkt der Stein für die Ewigkeit. Auf einigen Steinen blitzen noch vereinzelt keramische Bildnisse auf, verwitterte Gesichter sehen mich aus einer anderen Zeit an. Ich bleibe vor einem solchen Offiziersgrab stehen. Die Inschrift ist verwittert, aber lesbar. Ein Mann, gestorben 1946, nicht im Kampf, sondern an Tuberkulose. Der Krieg war vorbei, der Tod nicht. Die Grenze zwischen Kriegsgrab und Besatzergrab verläuft hier unsichtbar, fließend. Beides ist zu finden, vermischt auf diesem Flecken Erde. Die Geschichte sagt mir, dass ein früher Tod immer ein tragischer ist, egal unter welcher Flagge er geschieht. Der Regen tröpfelt wieder leise. Er rinnt die gemeißelten Buchstaben hinab, wäscht über die Steine der Offiziere und der gewöhnlichen Soldaten. Hier, im Nassen, sind sie alle gleich.

Der vergessene Flügel ist eine zweite Geschichte mit Rhyolith und einem Beweis für trotzige Erinnerung.

Hinter den letzten Reihen der Hauptanlage öffnet sich eine andere Welt. Ein schmaler Weg führt tiefer in den Wald, zum Nordflügel. Die strenge Ordnung löst sich auf. Hier herrscht kein Sandstein mehr, sondern der grüne, fast schwarze Teppich aus Moos und das gedämpfte Licht, das durch das dichte Blätterdach fällt. Unten liegen die Grabsteine flach. Rhyolith, sagt man, ein widerstandsfähiges Gestein. Sie sind die stummen Zeugen einer zweiten Geschichte, der Geschichte nach der Geschichte. Ab 1978 wurden sie hier platziert, eine Umgestaltung, um Kosten zu sparen. Die alten, aufrechten Steine verschwanden. Nunmehr lagen sie da, wie hingeworfen, und der Wald holte sie sich langsam zurück. Ich gehe weiter, vorbei an den Reihen der jungen Soldaten, die in den 1950er Jahren starben, oft mit 21, oft an Krankheit. Dann erreiche ich den abgelegensten Teil, den Kinderhain. Fünfundsechzig kleine Gräber, ein Obelisk aus rotem Granit mit der Inschrift: „Hier ruhen die Kinder der Sowjetunion“. Ein Mädchen namens Jana Borisova, nur anderthalb Monate alt, war 1987 die letzte, die hier beerdigt wurde. Die Luft steht still zwischen den Bäumen. Dieser Ort wäre fast verschwunden. Der Freistaat, damals Träger, sah keine Verpflichtung zur Pflege. Pläne für einen Abriss lagen in der Schublade, 250.000 Euro waren veranschlagt. Was rettete ihn? Nicht die Bürokratie. Es war der Zorn und der Schweiß engagierter Bürger. Ein Freundeskreis, der spätere DenkmalFort! e.V., kämpfte mit Mahnwachen, Arbeitseinsätzen und unbequemen Fragen. Sie erzwangen den Erhalt. Ich berühre einen der liegenden Steine. Das Moos ist weich und kühl. Dieser Flügel ist kein Ort des Pathos. Er ist ein Ort der Demut und ein Beweis dafür, dass Erinnerung nicht vom Staat verordnet wird, sondern von Menschen, die zuhören, wenn man den Steinen zuhört.

Der Obelisk und der Fahnenträger sind steingewordene Botschaften der offiziellen Erinnerung.

Auf der Hauptanlage, ziehen zwei Denkmäler den Blick auf sich. Es sind die steingewordenen Stimmen der offiziellen Erinnerung. Der erste ist der Obelisk. Sechzehn Meter Sandstein, aufgerichtet zwischen 1947 und 1949 von Bildhauer Friedrich Press. Er trägt die Bildsprache des siegreichen Staates. Panzersoldaten, ein winkendes Mädchen, das Staatswappen. Eine russische Inschrift preist die Helden, die für die Freiheit der sowjetischen Heimat fielen. Es ist die Sprache der Macht, laut und unmissverständlich in den Himmel gemeißelt. Am anderen Ende des Hauptweges, steht der Fahnenträger. Eine Bronzeplastik aus dem Jahr 1957, ein Geschenk der Stadt Dresden zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution. Ein Arbeiter mit gesenktem Blick, die Fahne nicht triumphierend erhoben, sondern müde vor sich hingetragen. Die deutsche Inschrift daneben spricht von gemeinsamem Kampf für Frieden und Völkerfreundschaft. Eine andere, versöhnliche Botschaft, eine Vorgabe ihrer Zeit. Ich stehe zwischen ihnen. Der monumentale Obelisk, der den Sieg verkündet. Der melancholische Fahnenträger, der die Last des Erinnerns trägt. Zwei verschiedene Antworten auf denselben Schmerz. Der eine befiehlt das Gedenken, der andere lädt zum Nachdenken ein. Der Regen hat die Bronze des Fahnenträgers dunkel patiniert, er trauer still um die Lücke zwischen dem, was in Stein gemeißelt wurde, und dem, was in Wirklichkeit geschah. Hier, zwischen diesen beiden Polen, findet das offizielle Gedenken statt. Das private Schweigen der Gräber und des Nordflügels, hallt laut nach.

Eine letzte Patrouille führt zur Grenze zwischen Gegenwart und der trotzigen Hoffnung dieses Ortes.

Der Regen hat sich in ein sanftes Sprühen verwandelt, ein letzter Schleier zwischen mir und den Toten. Bevor ich gehe, vollziehe ich eine letzte Runde, eine stille Patrouille entlang der Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Meine Schritte sind langsamer, beschwert von dem, was ich hier aufgenommen habe. Ich bleibe am Übergang zum Nordflügel stehen. Dort, wo engagierte Bürger den Abrissplänen trotzten, spüre ich etwas Neues: nicht nur Trauer, sondern eine seltsame, trotzige Hoffnung. Die Sanierung von 2023, finanziert von der russischen Botschaft trotz aller politischen Gräben, beweist: Dieser Ort wehrt sich gegen das Vergessen. Er ist lebendiger, als seine Steine erwarten lassen. Der Weg knirscht nun leiser unter meinen Sohlen, als hätte er sich an meine Gegenwart gewöhnt. An der Pforte drehe ich mich um. Der ganze Friedhof liegt da wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten aus Stein und Erde sind. Ich habe nur wenige Zeilen gelesen, doch sie hallen in mir nach. Draußen öffne ich den Schirm nicht. Ich will den leisen Regen wahrnehmen, der mich weiterhin mit diesem Ort verbindet. In meiner Jackentasche spüre ich das Gewicht der Erinnerung, keine Last, sondern ein Kompass, der mich zu weiteren Geschichten dieser Stadt führen wird. Die letzte Patrouille ist beendet. Doch derweil ich nordwärts in die Dresdner Heide gehe, spüre ich: Dies war nicht das Ende, sondern der erste Schritt. Die Albertstadt hat mir ihre stillste Seite gezeigt. Nun ist sie bereit, mir ihre anderen Geheimnisse zu offenbaren.

Der Nordfriedhof präsentiert preußische Strenge mit sächsischer Eleganz und dunklen Erweiterungen.

Ich folge der Marienallee etwa 450 Meter nach Norden, bis sie zum Kannenhenkelweg wird. Biege dort rechts ab und erreiche nach etwa hundert Metern den Nordfriedhof. Durch sein eisernes Tor, zwischen Sandsteinsäulen, betrete ich eine andere Epoche. Der sowjetische Friedhof liegt im Wald verborgen, hier präsentiert sich preußische Strenge. Geometrisch angelegte Wege, akkurate Hecken, ein Raum der Ordnung, der 1901 als Garnisonfriedhof eingeweiht wurde, in einer Zeit, als das Deutsche Kaiserreich noch unerschütterlich schien. Hier atmet noch der Geist des sächsischen Militäradels. An den Mauern reihen sich die Gräber der Generäle und Kriegsminister - von der Planitz, der diesen Friedhof initiierte, Carlowitz, Kirchbach. Ihre steinernen Stelen und Obelisken zeugen von einer untergegangenen Welt voller Hierarchien und Ehrendenken. Dieser Friedhof erzählt nicht nur von militärischem Ruhm. Im Osten liegt der Ehrenhain für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, mit über 2000 Gräbern. Serbische, russische, französische Kriegsgefangene fanden hier ebenso ihre letzte Ruhe, eine stille Mahnung, die längst vergangene Fronten überdauert. Weiter hinten, in der Erweiterung von 1940, wird die Geschichte dunkler. Hier liegen 978 Wehrmachtssoldaten, in elf Sammelgräbern ausländische Zwangsarbeiter, über 100 hingerichtete Wehrdienstverweigerer. Ein schlichtes Kreuz erinnert an die Deserteure, deren Geschichte jahrzehntelang verschwiegen wurde. Mitten in dieser deutschen Militärgeschichte findet sich eine bemerkenswerte Parallele, auf dem Gelände des Nordfriedhofs existiert ein sowjetischer Zivilfriedhof. Auf der einen Straßenseite ruhen die Soldaten der Besatzungsmacht, auf dieser Seite fanden deren zivile Angehörige ihre letzte Ruhe. Die Geschichte hat damalige Feinde im Tod nebeneinander platziert. Ich bleibe vor dem Sammelgrab für 450 Dresdner Bombenopfer stehen, Feuerwehrleute, Polizisten, Soldaten, die im Frühjahr 1945 bei Rettungsarbeiten starben. Sie gehören ebenso zu den Geheimnissen der Albertstadt, die es zu entdecken gilt.

Der Trail ist eine lebendige Narbe, die ihre Geschichte in Schlamm und Sprüngen weiterschreibt.

Wenige Meter östlich, vor dem E Flügel und dem „Verlorenem Wasser“, schreibt eine neue Generation ihre Geschichte in den Wald. Der Mountainbike Jump Trail Dresdner Heide. Das Rasseln von Fahrradketten und das surrende Summen der Reifen ersetzen das Echo vergangener Kommandos. Junge Menschen in Helm und Matsch, die über selbstgebaute Schanzen und Rampen fliegen. Ich bleibe am Rand stehen, beobachte, wie ein Junge seinen Bike abhebt. Für einen Moment schwebt er schwerelos zwischen den Bäumen, ein flüchtiges Kunststück über dem Boden, der einst von Stiefeln und Panzerketten getrampelt wurde. Das Lachen, das einem gelungenen Sprung folgt, ist der lebendigste Klang, der hier gehört wurde. Die Szene ist wild, laut, voller unbändiger Energie. Ein Kontrast zur Schwere der Kaserne, zur Stille der Friedhöfe, zur Strenge der Offizierschule, die nur einen Steinwurf entfernt liegt. Und doch gehört es untrennbar zusammen. Die Stimmen der Nutzer im Netz bestätigen diesen Eindruck. „Richtig cooler Trail mit Rampen, perfekt für Mountainbikes!“ „Macht Spaß dort zu fahren und ist ein Ausflug mit dem Bike wert!“ „Danke an alljene die es angelegt haben und instand halten.“ Dieser Trail ist nicht nur Sportplatz. Er ist eine lebendige Narbe über den Wunden der Dresdner Geschichte. Er ist die beste Antwort auf die Vergangenheit, die man sich vorstellen kann. Nicht Verdrängen, nicht Gedenken, sondern sich aneignen, umgestalten, weitermachen. Der Ort hat seine Sprache gewechselt. Er spricht jetzt in Sprüngen, in Lachen und im surrenden Rhythmus der Reifen. Diese Geschichte wird nicht mehr in Stein gemeißelt, sie wird in den Schlamm geschrieben. Und sie hat endlich angefangen.

Rückkehr nach Dresden, der Kreis schließt sich und die Stadt ist ein Palimpsest mit neuen Zeichen.

Der leichte Nieselregen hat wieder eingesetzt, ich gehe den E-Flügel zur Bushaltestelle „Am Jägerpark“. Mein Regenspaziergang durch die Albertstadt neigt sich dem Ende zu. Hinter mir liegen die stummen Steine der Kasernen, die stillen Friedhöfe, der lebendige Trail, Schichten einer Historie, die sich nicht mühelos lesen, aber gut durchwandern lässt. An der Haltestelle stehe ich wieder allein. Der Asphalt glänzt, letzte Tropfen kullern vom Vordach. Sie wollen mich verabschieden. In meiner Jackentasche spüre ich die Kälte des kleinen Steins, den ich nahe des alten Grenzsteins gefunden habe. Er ist klein, aber er wiegt schwer. Er ist ein Stück der Geschichte dieses Standortes. Der Bus der Linie 74 fährt vor, die Tür öffnet sich zischend. Ich steige ein und werfe einen letzten Blick zurück, wo die Vergangenheit langsam im Dunst verschwinden. Die Albertstadt gibt ihre Geheimnisse nicht preis, sie schenkt sie nur denen, die bereit sind, ihnen zuzuhören. Derweil der Bus sich in Richtung Waldschlößchen schlängelt, spüre ich, wie sich die verschiedenen Fäden meiner Tour verweben. Die deutsche und die sowjetische Geschichte, das militärische Erbe und die zivile Gegenwart, das stille Gedenken und das laute Leben, sie alle sind Teil desselben Ortes, derselben Stadt. Mein Regenspaziergang endet hier, aber wie der Junge auf dem Mountainbike erkenne ich jetzt, jeder Absprung ist der Beginn einer neuen Bewegung. Die nächste Geschichte wartet schon an der nächsten Haltestelle, an der nächsten Straßenecke, im nächsten Regentropfen, der auf Dresden fällt. Die Stadt ist ein Palimpsest, und heute habe ich einige ihrer verborgenen Zeichen gelesen.


Mit nassen Schuhen, vollem Notizbuch und einer stillen Faszination für Steine, Regen und Geschichten
Ihr Spurenleser zwischen Militär und Moderne in der Dresdner Albertstadt.

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*Der geneigte Leser mag es mir nachsehen, dass ich, gefangen im Nebel der Albertstadt, nicht minutiös protokolliere, welche Kasernenblocknummern einst geändert wurden, welche Dienstgrade in den Wirren der Nachkriegszeit verblassten oder wie viele Meter Stacheldraht sich seit dem Abzug der Garnison in verrosteten Schnecken auflösten, die Geschichte hier spricht ohnehin besser in Bildern, nicht in Paragraphen und Verordnungem.

Quellenangaben:
Inspiriert von der seltsamen Melange aus kaiserlichem Pomp, sowjetischer Melancholie und jungen Mountainbikern.
Informationen zur Dresdner Albertstadt
Die Albertstadt in Dresden das-neue-dresden.de
Was aus der Albertstadt geworden ist – Sächsische Zeitung (SZ-Online)
Militärhistorisches Museum Dresden – Albertstadt
Wikipedia – Dresden-Albertstadt
Stadt Dresden – Stadtbezirk Neustadt
Historische Stadtpläne und eigene Ortsbegehung, Oktober 2024
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884


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