Dresden

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Die Schatten des Maiaufstands.

Der Ton des Schmerzes.

Trinitatisfriedhof Dresden, Mai 1895 Der feuchte Morgennebel der Johannstadt hing noch tief in den Wipfeln der alten Eiben, als Johannes Schilling das kleine Holzkästchen mit seinen Modellierwerkzeugen auf den taunassen Rasen stellte. Der Trinitatisfriedhof lag in stummer Ruhe da; nur das ferne, gedämpfte Klappern der Pferdebahn auf der Pfotenhauerstraße drang gelegentlich durch die Stille. Schilling, dessen eigenes Haar über den Jahren an den Meißeln und Tonmodellen so weiß geworden war wie der Carrara-Marmor seiner Werkstatt, kniete vor dem Sandsteinsockel. Vor ihm lag die flache Gipsform des Portraitmedaillons. Seine dicken, von Jahrzehnten harter Arbeit gezeichneten Finger strachen vorsichtig über die sanft geschwungenen Konturen der Schläfe, die Nase, den prägnanten Schnauzbart. „Du gibst ihm diese nachdenkliche Falte zwischen den Brauen, Johannes“, ertönte eine leise, leicht brüchige Stimme hinter ihm. Schilling blickte auf. Clara Scholtz stand im Schattengang der Friedhofsmauer. Sie trug das schwere, schwarze Trauerkleid, das seit zwei Jahren ihr ständiger Begleiter war. Das Gesicht der Dreiundsechzigjährigen war schmal geworden, doch ihre Augen besaßen noch immer jenes wache, prüfende Licht, das Julius einst an ihr so geliebt hatte. „Er hat immer so geblickt, wenn das Licht im Atelier zu schwinden begann und die Leinwand ihm noch nicht gehorchen wollte“, sagte Schilling leise und erhob sich langsam. Er klopfte sich den trockenen Erde-Marmor-Staub von den Knien. „Ich wollte ihn nicht wie einen stolzen Akademieprofessor abbilden, Clara. Nicht wie den gefeierten Historienmaler der Albrechtsburg. Ich wollte den Julius einfangen, der in der Stille nach der Wahrheit suchte.“ Clara trat näher und legte eine schmale, in schwarzem Zwirn handschuhbeschuhte Hand auf den feuchten Sandstein. „Gestern war ich in der Palmstraße bei Bierling. Herr Bierling meinte, der Bronzeguss für das Medaillon könne im Herbst beginnen. Sobald der Guss fertig ist, wird er hier in den Stein eingelassen.“ „Bierling wird hervorragende Arbeit leisten“, nickte Schilling. „Seine Jungs verstehen ihr Handwerk. Das Bronzeprofil wird hier noch stehen, wenn die Namen auf den Nachbargräbern längst im Moos versunken sind.“ Clara sah hinüber zu den benachbarten Grabstätten, wo Meister wie Caspar David Friedrich ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Ein kühler Windstoß strich durch das Gras und ließ die Blätter der hohen Friedhofsbäume rascheln. „Manchmal“, flüsterte Clara, „wenn ich durch die leeren Räume in der Wiener Straße gehe, wische ich noch immer den Staub von seinen Ölskizzen. Und dann ist es mir, als würde ich wieder den Pulverdampf von 1849 riechen. Weißt du noch, Johannes? Als ihr alle jung wart und glaubtet, die Kunst könne eine ganze Welt verändern?“ Schilling lächelte wehmütig, schloss die Schnallen seines Werkzeugkastens und blickte gen Westen, wo die Türme der Altstadt im Dunst lagen. „Wir waren Narren, Clara. Aber wir brannten.“

Barrikaden an der Wilsdruffer Gasse.

Dresden, Mai 1849 Der Gestank von verbranntem Holz, Ruß und feuchtem Schwarzpulver lag so dicht über den Gassen der Altstadt, dass dem vierundzwanzigjährigen Julius Scholtz die Augen tränten. Von der Brühlschen Terrasse dröhnte das unregelmäßige Dumpfen preußischer Kartätschenfeuer herüber. „Weg von der Ecke, Scholtz! Bist du von allen guten Geistern verlassen?!“, schrie sein Studienkollege, während er ihn am Rockzipfel hinter die eilig aufgeschichtete Barrikade zog. Aus umgestürzten Droschken, ausgerissenen Pflastersteinen, Mehlsäcken und den Trümmern zertrümmerter Barockmöbel hatten die Aufständischen die Wilsdruffer Gasse verbarrikadiert. Überall lagen zersplittertes Holz und zerschossenes Dachziegelwerk. Julius Scholtz kniete im Staub. Er trug keinen Säbel und keine Freischärler-Mütze. In seinen zitternden Händen hielt er ein schmales, ledergebundenes Skizzenbuch und einen Kohlestift. Seine Finger waren schwarz vom Graphit und vom Ruß, der durch die Luft wirbelte. Mit raschen, energischen Strichen hielt er die Szene fest: Die geduckten Gestalten der Freischärler, das flackernde Licht des Feuers, das vom brennenden alten Opernhaus herüberstrahlte, und die düstere Silhouetten der Barrikadenkämpfer. „Julius Hübner würde dich eigenhändig von der Akademie werfen, wenn er wüsste, dass du dich hier herumtreibst!“, rief der Studienkollege gegen den Lärm einer explodierenden Granate an. „Hübner lehrt uns, die Geschichte zu malen!“, rief Julius zurück, ohne den Blick vom Skizzenblatt zu wenden. Seine Augen leuchteten in einem fast fiebrigen Glanz. „Aber die Geschichte passiert nicht vor zweihundert Jahren in Böhmen, sie passiert genau JETZT, auf unseren Straßen! Siehst du das Licht da hinten? Wie das Rot der Flammen den nassen Asphalt schneidet? Das ist Realität!“ Als eine erneute Salve die Holzpalisaden der Barrikade erschütterte und Splitter durch die Luft flogen, wichen die Kämpfer zurück. Julius stolperte rückwärts in den offenen Torweg eines Tuchhändlerhauses an der Ecke zur Seestraße. Dort, im dunklen Schutz des Gewölbes, drängten sich verängstigte Bürger. Unter ihnen stand eine junge Frau, kaum siebzehn Jahre alt. Sie trug ein schlichtes, dunkles Kleid; ihr dunkles Haar war unter einer Haube verborgen, und ihre Hände hielten krampfhaft ein Tuch vor den Mund, um den stechenden Rauch abzuhalten. Ihre Blicke trafen sich im flackernden Schein der brennenden Oper. Für einen Augenblick schienen der Gefechtslärm, das Geschrei der Verwundeten und das Dröhnen der Kanonen zu verblassen. Julius sah die reine, unverdorbene Klarheit in ihren dunklen Augen – einen Gegenpol zum Chaos der brennenden Stadt. „Haben Sie Angst, Fräulein?“, brachte Julius heraus, und versuchte krampfhaft, sein Skizzenbuch unter den Rock zu schieben. Die Junge Frau sah auf seine kohleschwarzen Hände und das verstörte, aber entschlossene Gesicht des jungen Künstlers. „Angst hat hier jeder, mein Herr“, antwortete sie leise, aber mit unvermutet fester Stimme. „Aber manche scheinen vergessen zu haben, dass man im Rauch auch ersticken kann, wenn man zu lange hineinstarrt.“ Ihre Worte trafen ihn wie ein leiser Glockenschlag inmitten des Gefechtslärms. Ehe er nach ihrem Namen fragen konnte, brach eine Welle fliehender Bürger in den Torweg. Die preußischen Truppen rückten vor. Im Gerumpel der Stiefel und dem Chaos der Flucht verlor er die Fremde aus den Augen. Doch als Julius Scholtz in jener Nacht in sein kaltes Studentenzimmer nahe der Akademie zurückkehrte, zeichnete er auf die letzte Seite seines Skizzenbuchs nicht die Barrikaden – sondern das feine Profil von Clara Koepig.

Durchbruch und Biedermeierglück.

Das Rußöl der Sidonienstraße.

Dresden, Spätherbst 1862 Das Klirren der Fensterscheiben war im Atelier der Sidonienstraße 16 ein getreuer Taktgeber. Nur wenige hundert Meter entfernt rollten die schwerbeladenen Güterzüge des Böhmischen Bahnhofs über die Gleise. Dampf und der stechende Geruch von feuchter Steinkohle drangen durch die Ritzen der hölzernen Luken. Julius Scholtz stand mit geröteten Augen vor einer monumentalen, fast vier Meter breiten Leinwand. Die Kerzen auf seiner Palette waren weit heruntergebrannt. Auf der Leinwand nahm eine Szene voller düsterer Dramatik Gestalt an: Das letzte Gastmahl der Generale Wallensteins. Die Gesichter von Illow und Terzky hoben sich im harten Chiaroscuro ab – das Kerzenlicht brach sich scharf auf den metallenen Brustpanzern und den schweren Weinpokalen. „Du verbrennst dich selbst, Julius“, ertönte Claras Stimme leise aus der Ecke des Ateliers. Sie saß nahe dem kleinen Gusseisenofen, ein Tuch um die Schultern gelegt, und nähte an einer Spitze für ein Kinderkleid. Es war ruhiger geworden seit ihrer Hochzeit, doch der finanzielle Druck wog schwer. Die Ausgaben für Farben, teure Malmittel und die Modelle zehrten an ihren Ersparnissen. Julius trat zwei Schritte zurück, die Hand mit dem Pinsel zitterte leicht vor Erschöpfung. „Wenn dieses Bild auf der Ausstellung der ‚Verbindung für historische Kunst‘ durchfällt, Clara, war alles umsonst. Die Jahre des Studiums, die Schulden, die Entbehrungen. Der Historismus verzeiht keine halben Wahrheiten.“ Clara stand auf, trat an die Leinwand und legte ihre Hand behutsam auf seinen Arm. „Schau sie dir doch an. Das sind keine steifen Puppen aus den Geschichtsbüchern. Man sieht diesen Männern an, dass sie in wenigen Stunden tot sein werden. Die Angst sitzt ihnen im Nacken. Genau das ist deine Stärke: Du malst die Seele unter der Rüstung.“ Wenige Wochen später erfüllte Jubel das Atelier. Das Gemälde gewann nicht nur den ersten Preis des Kunstvereins, sondern wurde umgehend für die Kunsthalle Karlsruhe angekauft. Der Name Julius Scholtz war schlagartig in aller Munde – der künstlerische Durchbruch war geschafft.

Die Rufe der Akademie.

Dresden, Herbst 1874 Die Kutsche rollte auf dem neumodischen Kopfsteinpflaster der Wiener Straße aus. Vor dem stattlichen dreigeschossigen Bau mit der Nummer 1 hielt das Gespann. Die Villen des Englischen Viertels, umgeben von großzügigen Gärten nahe dem Großen Garten, strahlten die Wohlhabenheit der Gründerzeit aus. Julius, inzwischen vierundvierzig Jahre alt und von gepflegtem Äußeren mit einem markanten, leicht ergrauenden Bart, half Clara aus der Kutsche. „Professor Scholtz…“, flüsterte Clara mit einem feinen, stolzen Lächeln und kostete das Wort auf der Zunge aus. „Wie klingt das für einen jungen Mann, der einst mit kohleschwarzen Händen auf den Barrikaden stand?“ „Es klingt nach Verantwortung“, antwortete Julius, während er den Blick über die elegante Fassade ihres neuen Heims gleiten ließ. „Das Ernennungsschreiben der Akademie kam heute Morgen. Ich treibe die Nachfolge von Schurig an. Und die Berufungen nach Berlin und Weimar… ich habe sie endgültig ausgeschlagen.“ „Du bleibst Dresden treu?“, fragte sie und sah ihn überrascht an. „Ich bleibe hier“, sagte er bestimmt und nahm ihre Hand. „Hier an der Elbe habe ich gelernt, das Licht zu verstehen. Die Dresdner Akademie ist mein Fundament. Und außerdem… könnte ich diesen Garten und unsere Abende an der Wiener Straße jemals gegen den Berliner Asphalt eintauschen?“ Das Haus in der Wiener Straße 1 wurde rasch zu einem Mittelpunkt des Dresdner Kulturlebens. Hier traf man sich zu Tee und Hausmusik – Bildhauer wie Johannes Schilling, Gelehrte und Akademiemitglieder diskutierten über die Zukunft der sächsischen Kunst. Es waren die glücklichsten und unbeschwertesten Jahre der Familie Scholtz. Doch am Horizont zeichnete sich bereits der nächste, gewaltige Auftrag ab, der alles verändern sollte.

Der Gestank von Wachs.

Die Kälte von Meißen.

Albrechtsburg Meißen, Spätherbst 1875 Ein eiskalter Zugwind pfiff durch die riesigen, spitzbogigen Fensterrahmen des Großen Saals. Die Albrechtsburg war im November ein zugiges Gewölbe aus rauem Stein und feuchtem Putz. Julius Scholtz stand auf einem wackligen Holzgerüst, hoch über dem Steinboden, eingehüllt in einen dicken Lodenmantel, dessen Ärmel mit Farbspritzern übersät waren. Neben ihm brodelte auf einem kleinen Spirituskochen ein Messingtopf. Der beißende, süßlich-stechende Geruch von geschmolzenem Bienenwachs, Terpentin und venezianischem Harz füllte die Luft. Die neuartige Enkaustik-Technik versprach Haltbarkeit für die Ewigkeit, verlangte dem Maler jedoch alles ab: Die heiße Wachs-Pigment-Mischung musste zügig auf den trockenen Putz aufgetragen werden, bevor sie erstarrte. Julius hustete heftig. Der giftige Dampf brannte ihm in den Lungen, und die Kälte kroch klamm durch seine Stiefel. Vor ihm an der Wand entwarf er die Belagerung von Sluis – Herzogs Albrechts Truppen in dynamischer, beinahe wilder Bewegung. Er hörte das Haspeln von schweren Schritten auf der hölzernen Gerüsttreppe. Es war nicht einer seiner Gehilfen, sondern Clara. Sie hatte sich in schwere Pelze gehüllt und trug einen Korb mit heißem Tee und Suppe. „Du siehst aus wie ein Gespenst, Julius“, sagte sie besorgt, als sie die oberste Plattform erreichte und den dichten Dunst roch. „Dieser Gestank… er bringt dich noch um. Du bist seit vier Wochen nicht mehr in Dresden gewesen.“ Julius setzte den Pinsel ab und rieb sich die schmerzenden Schläfen. „Herzog Albrecht wartet nicht auf schönes Wetter, Clara. Das Königshaus will Ergebnisse sehen. Elf Künstler arbeiten hier oben, aber mein Zyklus soll das Herzstück der Burg werden.“ „Aber zu welchem Preis?“, flüsterte sie und strich ihm sanft über die eiskalte Wange. „Das Haus an der Wiener Straße ist leer ohne dich. Die Kinder fragen nach dir. Du opferst deine Gesundheit für Wände, die niemand wärmen kann.“ Julius sah auf das Gemälde. Die leuchtenden, seidenmatten Farben des geschmolzenen Wachses besaßen eine Tiefe, die keine Ölfarbe der Welt erreichen konnte. „Es ist für die Ewigkeit, Clara“, sagte er leise, doch in seiner Stimme lag eine tiefe Müdigkeit. „Wenn unsere Knochen längst zu Staub geworden sind, werden die Menschen hier stehen und sehen, was wir erschaffen haben.“

Das Haus in der Wiener Straße 47.

Dresden, Frühjahr 1880 Der Umzug innerhalb des Englischen Viertels markierte den Höhepunkt von Julius Scholtz’ gesellschaftlicher Stellung. Die neue, prachtvolle Villa in der Wiener Straße 47 lag noch näher am Großen Garten. Das Atelier war weitläufig, lichtdurchflutet und bot Raum für die riesigen Kartons seiner Historienbilder. Am Abend des Einweihungsfestes erstrahlten die Kristallkronleuchter im großen Salon. Die Elite des Dresdner Geisteslebens war zusammengekommen. Oberbibliothekar Dr. Ernst Wilhelm Förstemann diskutierte in einer Ecke über altgermanische Sprachforschung, während Bildhauer Johannes Schilling am Flügel stand und sich mit Clara unterhielt. Julius stand etwas abseits an den großen Flügeltüren zum Garten. Er trug den dunklen Frack eines Akademieprofessors, doch die Spuren der Jahre in Meißen und die unzähligen Arbeitsstunden hatten sich tief in sein Gesicht gegraben. Schilling trat zu ihm und reichte ihm ein Glas Sekt. „Ein prächtiges Haus, Julius. Du hast es weit gebracht. Der Breslauer Junge ist zum gefeierten Stern der sächsischen Kunst geworden.“ „Ich fühle mich manchmal wie ein Gefangener meines eigenen Erfolgs, Johannes“, gestand Julius leise und blickte hinaus in den dunklen Garten. „Jeder will ein Porträt. Der Hof, der Adel, die reichen Fabrikanten. Sie zahlen astronomische Summen. Aber meine eigenen Pläne… die freien Landschaften, die echten Menschen… sie bleiben als flüchtige Ölskizzen in den Mappen liegen.“ „Das ist der Preis der Meisterschaft“, antwortete Schilling ernst. „Die Gesellschaft feiert den Professor, aber sie vergisst, dass der Künstler darin nach Atem ringt.“ Clara trat zu den beiden Herren. Sie trug ein elegantes Seidenkleid, doch ihr Blick war wachsam. Sie wusste genau, was in ihrem Mann vorging. Sie wusste, dass der Druck der Akademie, die Pflichten und die endlosen Aufträge schwer auf seinen Schultern lasteten. „Morgen fahren wir nach Goppeln, Julius“, sagte sie unmissverständlich und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Keine Akademie, keine Generäle, keine Rüstungen. Nur du, dein Skizzenbuch und das einfache Licht auf den Feldern.“ Ein seltenes, dankbares Lächeln stahl sich auf Julius’ Gesicht. Er nickte. „Ja… nach Goppeln. Wo das Licht noch frei ist.“

Zarengold und verblassende Farben.

Russischer Prunk und Goppelner Licht.

St. Petersburg / Goppeln bei Dresden, Sommer 1888 Der Gestank von schwerem Wachs und Parfüm lag im Empfangssaal des Petersburger Palais. Julius Scholtz hielt die Palette mit steifen Fingern. Vor ihm saß eine junge Fürstin in azurblauer Seide, deren Juwelen im Schein der massiven Silberkandelaber blitzten. Es war das vierte Hofporträt innerhalb von zwei Monaten. Die Diplomaten und Generäle des Zaren zahlten immense Summen in Gold, doch für Julius fühlte sich jeder Pinselstrich wie ein mechanisches Abgleiten an. In den späten Abendstunden, wenn der Lärm der russischen Metropole verstummte, saß er in seinem Hotelzimmer am Moika-Kanal und schrieb Briefe nach Hause. „Liebe Clara,“ tippte er die Feder auf das dünne Papier, „hier glänzt alles von Gold und Brokat, doch das Licht ist kalt. Es hat keine Seele. Ich sehne mich nach den Abenden in Goppeln, wenn die Sonne tief über den Lehmbergen steht und die Bauernmädchen das Vieh heimtreiben. Hier male ich Masken; dort unten an der Geberbach-Aue steht das echte Leben.“ Als er wenige Wochen später nach Dresden zurückkehrte, floh er fast augenblicklich vor den Verpflichtungen der Akademie nach Goppeln. Im Dresdner Süden hatte sich eine kleine Kolonie junger Freilichtmaler zusammengefunden. Dort, im Schatten alter Scheunen, saß Julius im einfachen Klappstuhl. Neben ihm stand Clara, die stumm beobachtete, wie er die schweren, dunklen Töne seiner Historienbilder abstreifte. Seine Pinselstriche wurden schneller, skizzenhafter, getränkt von sonnigem Gelb und saftigem Grün. „Siehst du, Clara?“, flüsterte er und deutete auf eine Schafherde im Gegenlicht. „Keine Generäle, keine Könige. Nur das Licht, das die Welt für einen Augenblick berührt.“ „Du fängst an, wie die jungen Franzosen zu malen“, lächelte sie leise und schützte ihre Augen mit dem Sonnenschirm. „Die Akademie wird die Stirn runzeln.“ „Sollen sie“, brummte Julius, und zum ersten Mal seit Jahren lag ein gelöstes Funkeln in seinen Augen.

Der letzte Pinselstrich.

Atelier Wiener Straße 47, 2. Juni 1893 Der Frühsommermorgen tauchte das große Dachatelier der Wiener Straße in ein gleißendes, klares Nordlicht. Auf den Staffeleien lehnten fertige und unvollendete Werke – Porträts des Oberbibliothekars Dr. Förstemann standen neben intimen Skizzen seiner Familie und Entwürfen für kirchliche Aufträge. Julius stand vor einem kleineren Quadratschinken. Er war achtundsechzig Jahre alt. Das Atmen fiel ihm schwerer seit den Jahren in Meißen, doch an diesem Morgen brannte ein neues Feuer in ihm. Er wollte die Leichtigkeit aus Goppeln mit der Präzision seiner akademischen Meisterschaft verbinden. „Das Licht in den Schatten muss atmen“, murmelte er vor sich hin und mischte auf der Holzpalette ein kühles Violett mit reinstem Zinkweiß. „Nicht schwarz… Schatten sind niemals schwarz.“ Clara betrat leise das Atelier, in den Händen ein Tablett mit frischem Kaffee und Gebäck. Sie blieb an der Tür stehen und beobachtete ihn. Er wirkte konzentriert, fast jugendlich in seiner Hingabe. Plötzlich hielt Julius in der Bewegung inne. Der Pinsel entglitt seinen zitternden Fingern und hinterließ einen feuchten, gelben Streifen auf dem Dielenboden. Seine Hand griff krampfhaft nach der Kante der hölzernen Staffelei. „Julius?“, rief Clara erschrocken. Das Tablett schepperte auf dem Tisch, als sie zu ihm eilte. Sein Gesicht war aschfahl geworden. Seine Augen starrten auf die unvollendete Leinwand, auf der die Farben noch feucht glänzten. „Nur noch etwas mehr Licht…“, hauchte er mit brüchiger Stimme. Seine Knie gaben nach. „Clara… das Gelb…“ Sie fing ihn auf, so gut ihre Kräfte es zuließen, und schlang die Arme um seinen schweren Körper. Gemeinsam sanken sie auf den Dielenboden des Ateliers – umgeben vom Duft von Öl, Terpentin und den unzähligen Bildern eines ganzen Lebens. Als der Stadtarzt wenig später die Schwelle der Wiener Straße 47 überschritt, konnte er nur noch den plötzlichen Herzfledertod feststellen. Die Nachricht vom unerwarteten Ableben des Professors Scholtz versetzte das Dresdner Kunstleben in tiefe Trauer.

Das Denkmal für die Ewigkeit.

Das Feuer in der Palmstraße 19.

Wilsdruffer Vorstadt, Dresden, Oktober 1895 Der beißende Rauch von Koksfeuer und geschmolzenem Erz hing wie ein schwerer Schleier in der großen Halle der Kunst- und Glockengießerei C. Albert Bierling in der Palmstraße 19. Das Dröhnen der Gebläse und das metallische Hämmern der Gießer erfüllten den Raum mit einer fast unheimlichen Dynamik. Johannes Schilling stand dicht neben der gemauerten Gussgrube. An seiner Seite hielt sich Clara Scholtz, fest eingehüllt in ihren Trauerflor, das Tuch schützend vor Mund und Nase gedrückt. Vor ihnen kippten vier kräftige, rußgeschwärzte Gießereiarbeiter mit langen Eisenstangen den schweren Schmelztiegel. Ein weißglühender, funkelnder Strahl flüssiger Bronze floss zischend in die Form. Der Schamottestein glühte auf, und eine Hitzewelle schlug den Zuschauern entgegen. „Das ist der Augenblick der Verwandlung, Clara“, sagte Schilling leise gegen den Lärm an. „Der flüchtige Ton meines Modells wird jetzt für die Jahrhunderte gehärtet. Das Bronze-Medaillon wird Julius’ Gesicht tragen, lange nachdem unsere Stimmen verhallt sind.“ Clara sah fasziniert in das flüssige Gold-Orange der Schmelze. In der Glut der Palmstraße sah sie noch einmal das ganze Leben ihres Mannes aufscheinen: das Flackern der Barrikaden von 1849, den warmen Kerzenschein Wallensteins, den kochenden Wachstopf in der Albrechtsburg und das sanfte Abendlicht der Goppelner Felder. „Es ist gut so, Johannes“, flüsterte sie, während die Tränen auf ihren Wangen in der Hitze des Gussfeuers rasch trockneten. „Er war immer ein Mensch des Feuers und der Farben. Stein allein hätte ihm nicht gereicht.“

Der Riss im Kalender.

Steinmetzwerkstatt am Trinitatisfriedhof, Frühjahr 1896 Das stetige Klack-Klack-Klack des Schlägels auf dem Meißel verstummte. Der alte Steinmetz richtete sich auf, strich sich den feinen, weißen Sandsteinstaub von der Lederschürze und blickte stirnrunzelnd auf die frisch eingemeißelte Inschrift unterhalb des Nischenbogens. „Frau Professor...“, begann der Handwerker zögerlich und wandte sich an Clara, die auf einer schlichten Holzbank im Werkstattinnenhof saß. Er hielt eine Vorlage in der Hand. „Mir ist da beim Vertiefen der Buchstaben etwas aufgefallen. Schauen Sie hier... auf dem Papier und im Kirchenbuch steht Juni als Sterbemonat. Aber hier im Stein... durch die Vorzeichnung vom Gesellen steht nun ‚+ d. 2. / V. 1893‘ – Mai statt Juni.“ Er hielt inne und blickte betreten zu Boden. „Ein unseliger Übertragungsfehler. Ich kann den Stein nacharbeiten, die Ziffer rausschleifen und ein ‚VI‘ setzen, wenn Sie es wünschen.“ Clara erhob sich langsam und trat an den hoch aufragenden Sandsteinstock. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die frisch gehauenem arabischen und römischen Zahlen. 12. Februar 1825 – 2. Mai 1893. Ein feines, melancholisches Lächeln huschte über ihr blasses Gesicht. „Lassen Sie es so, Meister“, sagte sie leise, aber bestimmt. Der Steinmetz blickte sie überrascht an. „Aber... die Nachwelt, Frau Professor? Die Chronisten werden sich wundern.“ „Die Chronisten suchen nach Zahlen in Büchern“, antwortete Clara sanft und blickte auf das fertige, von Bierling gelieferte Bronzemedaillon, das bereitlag, um in die kreisrunde Nische eingesetzt zu werden. „Aber diejenigen, die vor diesem Grab stehen bleiben, suchen nicht nach Kalendertagen. Sie werden in das Gesicht schauen, das Johannes Schilling geschaffen hat, und sie werden die Kunst sehen. Ob er im Mai oder im Juni ging – sein Licht bleibt. Lassen Sie den Riss im Kalender als kleines Geheimnis stehen.“

Unter den Eiben.

Trinitatisfriedhof Dresden-Johannstadt, 28. Juli 1896 Der Hochsommer lag schwer über der Johannstadt. Der Duft von blühenden Linden und warmem Gras erfüllte die Alleen des Trinitatisfriedhofs. Ein trauriger, kleiner Kondukt bewegte sich durch das grüne Schattendach der Eiben hin zur Grabstelle der Familie Scholtz. Clara Scholtz hatte nur drei Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes gelebt. Das große Haus in der Wiener Straße 47 war ohne die Pinselstriche und das Lachen von Julius zu still geworden; ihre Kräfte hatten im heißen Juli vollends nachgelassen. Als der Sarg behutsam neben dem Fundament des Grabmals abgesenkt wurde, trat Johannes Schilling als Letzter an die Grube. Er trug eine einfache, weiße Rose in der Hand. Sein Blick wanderte nach oben. Das von Bierling perfekt gegossene Bronzeprofil von Julius Scholtz war nun fest im Sandstein verankert. Die Nachmittagssonne fiel schräg durch die Blätterkronen und ließ die Konturen des Gesichts golden aufleuchten. Direkt darunter schimmerte die frisch eingemeißelte zweite Zeile im Stein: CLARA SCHOLTZ geb. KOEPPIEG d. 10. III. 1832 + d. 28. VII. 1896 Schilling ließ die Rose in die Tiefe gleiten. „Nun seid ihr wieder vereint“, murmelte der Bildhauer leise. „Du hast ihn durch den Rauch von 1849 begleitet, durch die Kälte von Meißen und die Pracht von Petersburg. Jetzt gehört ihr der Geschichte dieser Stadt.“

Das Bronzeprofil im Sonnenlicht.

Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen. Die Wiener Straße hat ihr Gesicht verändert, die Gießerei in der Palmstraße ist längst Geschichte, und die großen Historienbilder in der Albrechtsburg Meißen strahlen noch immer in der seidenmatten Tiefe der Wachsenkaustik. Wer heute an einem stillen Nachmittag über den Trinitatisfriedhof in Dresden-Johannstadt spaziert, findet das Grabmal am Rand des Weges. Der sächsische Sandstein ist nach dunklen Jahrzehnten von Witterung und Geschichte gezeichnet, doch das Bronzeprofil im Medaillon blickt unverändert wach und nachdenklich nach Westen. Die Inschrift erzählt von zwei Lebensdaten, von einem kleinen Steinmetz-Rätsel im Mai – und vor allem von einer großen Liebe und künstlerischen Meisterschaft, die tief in den Annalen der Stadt Dresden verwurzelt sind.

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